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Der CONSUMENT Versandhandel Leipzig in der DDR Mangelwirtschaft


Nach der Wende wurden Versandhauskataloge aus der BRD rauf und runter geblĂ€ttert, sie fĂŒllten ganze Familienabende. Sowas kannten die letzten DDR BĂŒrger nicht. Denn was selbst in der DDR Geborene kaum wissen: Auch in der DDR gab es VersandhĂ€user. Beispielweise war das "CENTRUM Versandhaus Leipzig" von 1956 bis 1974 aktiv. Wie vertrug sich das mit der Mangelwirtschaft in der DDR?


Am 01.05.1956 wird das "Versandhaus Leipzig" gegrĂŒndet und 1969 in "CENTRUM Versandhaus Leipzig" umbenannt. Direktor war bis zum Ende Dr. Fritz Loth. Die Schwerpunkte lagen in der Bildung eines bedarfsgerechten Warensortiments und der Erhöhung der Versorgungsleistung gegenĂŒber der Bevölkerung. Es wurden Verkaufsstellen mit Bestellannahmen eingerichtet und Versandhauskataloge verlegt. Bestellt werden konnte alles, was transportfĂ€hig war: Mode, Spielzeug, Technik, Geschirr, BĂŒcher und vieles mehr.

Das CONSUMENT Versandhaus Leipzig unterstand der Vereinigung Volkseigener WarenhĂ€user (VVW) CENTRUM Leipzig. Die VVW CENTRUM war das zentrale ökonomische Leitungsorgan der volkseigenen WarenhĂ€user der DDR mit Sitz in Leipzig und unterstand direkt dem Ministerium fĂŒr Handel und Versorgung. Geleitet wurde der Komplex durch einen Generaldirektor. Der Vereinigung waren die 14 CENTRUM-WarenhĂ€user der DDR zugeordnet. Ihre wichtigsten Aufgaben waren Planung und Leitung der WarenhĂ€user, Zentraleinkauf und Entwicklung von Kooperationsbeziehungen zur Industrie, Marktbeobachtung und Bedarfsermittlung, Entwicklung moderner Formen des Verkaufs, des Kundendienstes und der Dienstleistungen sowie die EinfĂŒhrung neuer Methoden der Leitung und Betriebsorganisation. 1985 erfolgte eine Umbenennung in Volkseigene WarenhĂ€user CENTRUM, Generaldirektion Leipzig.

Im Jahre 1967 schrieb man im Leipziger Versandhauskatalog: "...Das reichhaltige Warenangebot mit 4300 Warenpositionen wurde sorgfĂ€ltig in monatelanger Arbeit ausgewĂ€hlt und zusammengestellt. Es wurden gute Voraussetzungen geschaffen, Ihnen eine preisgĂŒnstige Auswahl zu bieten und die hohe Nachfrage fĂŒr Versandhausartikel noch besser als zuvor zu erfĂŒllen. Wir werden in der kommenden Saison tĂ€glich mehr als 8000 Kunden zur Zufriedenheit bedienen können ...."

1968 wurden ca. 1,3 Millionen Kunden durch das CONSUMENT Versandhaus beliefert. Das Sortiment umfasste 1.280 Artikeln und 4.300 Bestellpositionen. 

Am 24.04.1968 fiel der erste Spatenstich fĂŒr ein neues und grĂ¶ĂŸeres Versandhaus im Norden von Leipzig. Die Bauarbeiten an dem neuen Industriegebiet wurden jedoch 1971 auf Grund wirtschaftlicher Schwierigkeiten eingestellt, und es kam zur Stilllegung des Projekts. Allerdings wurde der CENTRUM Versandhandel bis zum 31. Dezember 1974 weiter gefĂŒhrt.

Die GrĂŒnde fĂŒr die Einstellung sehen viele in einer Verschlechterung der Versorgungslage. Was nicht ausreichend produziert wurde, konnte letztendlich auch nicht im Versandhandel beworben werden.

Den Katalogen lagen einfache Bestellformulare bei, welche 12 Artikel aufnehmen konnten. Das zweiseitige Formular erklĂ€rt sich von selbst. Fragen hinterlĂ€sst die ZeichenerklĂ€rung fĂŒr Vermerke der Spalte 1: "A - Artikel zur Zeit vergriffen". Wer den folgenden Witz versteht, ahnt die Frage:

Er: "Du Schatz, ich lese hier grade: 'Die DDR gehört zu den zehn fĂŒhrenden Industrie Nationen der Welt.', ich glaub, das schreibe ich mal unserem Onkel Dieter in DĂŒsseldorf."
Sie: "Klar, mach das. Und wenn Du grade dabei bist - er soll zu Ostern ein paar Rollen Klopapier mitschicken."

Wenn in der DDR alles Mangelware war, wieso konnte das ganze Sortiment per Versandhandel geliefert werden? Oder wurde jede Bestellung mit dem Vermerkt ""Artikel zur Zeit vergriffen" an den Besteller zurĂŒck geschickt? Auf diese Frage weiß ich keine Antwort. Vermutlich war diese Frage jedoch der letztendliche Grund dafĂŒr, dass 1976 das letzte Versandhaus in der DDR, der Konsument Versandhandel Karl-Marx-Stadt, seine Pforten schloss.

Interessant ist der Fakt, dass Leipzig auch heute noch ein beliebter Standort fĂŒr VersandhĂ€user ist. Schon in der Funktion als Messestadt profitierte Leipzig von seiner fast schon einmaligen geografischen Lage. Das liegt an dem Umstand, dass in Sachsen viele Land- und Heerstraßen der alten Römer existierten. Die via regia kam aus westlichen LĂ€ndern, fĂŒhrte nach Polen und bis nach Russland hinein. Ein anderer großer Handelsweg reichte vom Norden Deutschlands bis nach Genua und Venedig. Es war die via imperii. An der Kreuzung beider Straßen, die viele tausende Kilometer reichten, wurde die Stadt Leipzig erbaut. Die Existenz dieser uralten europaweiten Straßen wirkt sich bis heute aus. Egal ob fĂŒr Quelle oder Amazon, der Standort Leipzig hat seine VorzĂŒge. Was 1956 wohl der Ausschlag fĂŒr die Entscheidung war, gerade in Leipzig ein Versandhaus zu etablieren.

Wie lief eine Bestellung damals ab? Nun, nicht wesentlich anders als heute. Abweichend wurden der Zahlungsverkehr und die Reklamation geregelt. Gezahlt wurde per Nachnahme oder auf Rechnung. MĂ€ngel mussten, bei Postsendungen, innerhalb von 24 Stunden bei der Post gemeldet werden, nicht innerhalb von 12 Monaten, wie es heute ĂŒblich ist. Bei Bahnsendungen hatte man 7 Tage zur Reklamation Zeit.

Mangelwirtschaft hin oder her - offenbar gab es doch genug in der DDR zu kaufen. Sicherlich wurden einige Positionen mit "Zur Zeit nicht lieferbar" quittiert, aber sowas kommt heutzutage auch bei Amazon vor. Ich kann mich erinnern, dass die LĂ€den in der DDR grundsĂ€tzlich nicht leer waren. Heimelektronik, Fototechnik und auch Spielzeug gab es zur GenĂŒge- wenn man es bezahlen konnte. Die KaufhĂ€user waren genau so voll wie Heute. Lediglich Importartikel waren bisweilen schwer zu bekommen. Bananen mag man nennen. Aber heutzutage gibt es ja auch keinen echten russischen Kavier fĂŒr 3 Euro die Dose bei Aldi. Importe hatten und haben ihren Preis. Bei einheimischen Produkten, abgesehen von PKW, war alles im Lot. Erstaunlicherweise definiert man "Mangelwirtschaft" heute nur allzuschnell an der VerfĂŒgbarkeit weniger Produkte.


Autor: nokiland


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Schlagwörter: Versandhandel Handel Consument Konsum