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Die Arbeiter zeigen ihre Kraft


In den gro├čen Kohlerevieren der Sowjet-Union streikten die Arbeiter - gegen Ausbeutung und Mangelwirtschaft, Umweltsch├Ąden und Funktion├Ąrsprivilegien. Perestroika - Revolution von unten oder Gefahr f├╝r Gorbatschow? Um zun├Ąchst einmal die Kumpel wieder in die Zechen zu bringen, gab die Regierung den Forderungen nach. Im Partei-ZK w├Ąchst der Widerstand der Konservativen.

Der Kommunist Michail Gorbatschow hatte vier Jahre lang daf├╝r gefochten, die Ausgebeuteten der UdSSR mit ihren Herren zu vers├Âhnen - durch Reformen. Doch der Hang seiner Genossen zur Macht war st├Ąrker als die Furcht der Funktion├Ąre, das Volk k├Ânne sich vor ihren B├╝ros zusammenrotten und Rechenschaft begehren.

Jetzt war es soweit. Jene Klasse, die laut Ideologie in Ru├čland bereits 72 Jahre lang herrscht und laut Verfassung "f├╝hrt", forderte ihre Rechte ein: das Proletariat der Sowjet-Union.

Die Avantgarde kam aus den Sch├Ąchten und Stollen und trat in den Streik - im Osten, im S├╝dwesten und im hohen Norden der UdSSR. Die Bergarbeiter verlangten mehr Lebensmittel und mehr Lohn, Eigenverwaltung ihrer Betriebe, Entmachtung der Funktion├Ąre.

Sie mahnten die Versprechen an, die ihnen die Kommunisten zu einer Zeit gegeben hatten, als die Ruhest├Ąndler von heute eben geboren waren - so lange gab es in jenem Land, das sich als "Diktatur des Proletariats" anpreist, keine selbst├Ąndige Arbeiterbewegung, obwohl doch das Proletariat laut Karl Marx sich nur selbst befreien kann.

So lange hatten die Arbeiter der UdSSR geschwiegen, kraft Diktatur der Staatsgewalt. Doch dann: "Schrecklich", h├Ârte der Moskauer ARD-Korrespondent Gerd Ruge, "gerade haben wir unsere Datschen eingerichtet, und nun kommt die Revolution."

"Es schien doch alles so normal", klagte auch der Erste Parteisekret├Ąr der sibirischen Bergarbeiterstadt Kisseljow, "und nun pl├Âtzlich dieser Ausbruch - wie eine Naturkatastrophe." Doch alle Gewalthaber waren gewarnt.

Der Aufstand der Arbeiter brach los, als sich die Moskauer F├╝hrung dem schlimmsten aller Nationalit├Ątenkonflikte gegen├╝bersah, welche die Peripherie des Reiches seit einem Jahr ersch├╝ttern: An der Schwarzmeerk├╝ste w├╝ten moslemische Abchasen und christliche Georgier gegeneinander, morden, st├╝rmen Polizeistationen wie Parteib├╝ros und erbeuten Waffen.

Die Meuterei der Arbeiter brach in einer Gegend des gro├čen Reiches aus, ├╝ber die Jegor Ligatschow - Gorbatschows zur├╝ckgedr├Ąngter Gegenspieler - voriges Jahr scherzte: "Noch weiter fort als bis nach Sibirien wird man uns wohl kaum schicken."

Die Partei war gewarnt, die sibirischen Gebietssekret├Ąre meldeten dem ZK bereits im April drohende Unruhen; im Industrierevier Kusnezker Becken ("Kusbass") hatte es elf kleinere Streiks gegeben.

Die Regierung wu├čte sogar schon seit vorigem Sommer Bescheid: Auf der Parteikonferenz im Juni sprach als erster Redner nach Chef Gorbatschow der Gebietssekret├Ąr von Kemerowo, Wadim Bakatin, inzwischen Innenminister der UdSSR. Er beschwor die Gefahrenpunkte, im Namen der "├╝berwiegenden Mehrheit der Belegschaften im Kusbass".

Unverz├╝glich schrieb ein selbstbewu├čter Arbeiter aus Kemerowo an eine Moskauer Zeitung: "Bakatins Rede hat mich stutzig gemacht. Ich habe niemanden beauftragt, in meinem Namen irgendwelche Erkl├Ąrungen abzugeben."

Auch die Volksvertretung der Sowjet-Union war gewarnt: "Es darf doch nicht sein, da├č die wundersch├Ânen Ideen der Perestroika nicht siegen werden", beschwor der Volksdeputierte Wladimir Gwosdew die 2250 Abgeordneten des Volkskongresses am 7. Juni im Kreml.

Gwosdew ist Vorarbeiter auf der gr├Â├čten Zeche der Sowjet-Union, "Raspadskaja" ("Zerfall"), im westsibirischen Meschduretschensk, das gleichfalls im Kusnezker Becken liegt.

Dort werden jedes Jahr 140 Millionen Tonnen Kohle gef├Ârdert, dort qualmen Stahlwerke, Chemie- und Maschinenfabriken, Betriebe f├╝r Kunstd├╝nger und Zement: ein Industrierevier, dessen Gewicht den Deutschen entgangen war, als sie 1942 nach Eroberung des Donez-Beckens ("Donbass") Ru├člands Wirtschaftskraft gebrochen w├Ąhnten.

Der Volksdeputierte Gwosdew, Mitglied der KPdSU, meldete nun eine neue Gefahr, die sich von innen zusammenbraute. Seine W├Ąhler setzten ihn derma├čen unter Druck, da├č er "kaum Luft zum Atmen" habe, "die Menschen sind des Wartens m├╝de. Der Vorrang einer Entwicklung des sozialen Bereichs mu├č gesetzlich verankert werden - sonst kann man nicht weiterleben".

Das Lebensniveau der Bergleute sinke st├Ąndig, die einfachsten Dinge fehlten - warme Kleidung und Schuhe. Gwosdew weiter: "In den Siedlungen der Bergleute ist sogar das Wasser rationiert, es reicht nicht f├╝r die Versorgung der oberen Stockwerke. Viele Sorten Lebensmittel fehlen ganz. So lebt aber nicht nur das Kusbass, so lebt unsere ganze reiche Region Sibirien. Die Ministerien spucken auf die sozialen N├Âte der Sibirjaken."

Die Schlu├čfolgerung des Vorarbeiters (der sich wegen der Militarisierung des sowjetischen Arbeitslebens "Brigadier" nennt): "Die Diagnose ist gestellt, das Skalpell mu├č jetzt angesetzt und mit der Operation begonnen werden. Wir d├╝rfen keine Zeit verlieren, wenn wir ├╝berleben wollen."

Sechs Wochen warteten Gwosdews Arbeitskollegen in Meschduretschensk. Vorletzten Dienstag traten 12 000 Kumpel in Streik, eine Woche sp├Ąter waren es zehnmal soviel. Auch im Donbass legten Hunderttausende die Arbeit nieder - sogar in der Stachanow-Grube, benannt nach jenem Musterarbeiter der Stalin-Zeit, dessen absurde Norm├╝bererf├╝llung (102 statt sieben Tonnen in einer Schicht) seinen Kollegen forthin als Ackordpeitsche vorgehalten wurde.

Auch andere Branchen befanden sich im Ausstand, der Streik sprang auf die gro├čen Bergbaugebiete der Sowjet-Union ├╝ber: von Workuta am Polarkreis, das Leningrad mit Kohle versorgt, bis Karaganda in Kasachstan - Schreckensnamen aus der Gulag-Zeit, wo heute freie Arbeiter zu j├Ąmmerlichen L├Âhnen rackern.

In Rostow am Don, in Petschora, im ukrainischen H├╝ttenzentrum Dnjepropetrowsk und bei Lemberg kamen die F├Ârdert├╝rme zum Stillstand. Ein Streikf├╝hrer zu einem Direktor im Kusbass, der die Aufnahme der Arbeit angeordnet hatte: "Stellen Sie die Arbeit sofort ein, sonst wird auf dem Platz die ganze Trib├╝ne mit Flugbl├Ąttern beklebt sein, wo wir Sie als Streikbrecher anprangern."

In elf Kusbass-St├Ądten und am Donnerstag in Dnjepropetrowsk, das einmal die Hochburg Leonid Breschnews gewesen war, demonstrierten die Einwohner Tag und Nacht. Ihre popul├Ąrste Losung: "Fleisch f├╝r alle."

In Wolgograd (Stalingrad) verweigerte das Stahlwerk "Roter Oktober" die Arbeit, weil die Lohnzahlung vier Tage lang ├╝berf├Ąllig war. Im sibirischen Prokopjewsk schlo├č ein Arbeiter-Selbstschutz die Wodka-L├Ąden und stellte zum Alkoholtest Posten an den Autostra├čen auf. Unruhestifter wurden festgenommen und der Polizei ├╝bergeben, die Kriminalit├Ąt in Westsibirien sank.

Trupps durchsuchten auch die Wohnungen von Funktion├Ąren. Politische Oppositionsgruppen, "Helsinki-Komitee" und Demokratische Union, die f├╝r ein Mehrparteiensystem wirbt, verteilten Flugbl├Ątter.

Einen proletarischen Massenprotest solcher Dimension hatte es in Ru├čland zum letztenmal gegeben, als die Arbeitsveteranen von heute noch nicht zur Schule gingen: 1921 unter Lenin, der mit Milit├Ąrterror, aber auch einer liberalen Wirtschaftsreform ("Neue ├Âkonomische Politik") reagierte. Diesmal zeigte sich die F├╝hrung unentschlossen.

"Trud", Organ der Berufsorganisationen, erkl├Ąrte die Situation f├╝r "nicht mehr steuerbar". Die gew├Ąhlten Streickomitees riefen nach Pr├Ąsident Gorbatschow als Verhandlungspartner, doch der hielt sich bedeckt; kurz zuvor hatte er nach Leningrad reisen m├╝ssen, um einen Konflikt im Schwermaschinen-Kombinat (Gorbatschow: "Zust├Ąnde wie zu Urgro├čvaters Zeiten") zu schlichten. Er setzte den Leningrader Parteichef ab.

Moskau schickte den Streikenden Telegramme und entsandte den Kohle-Minister Michail Schtschadow, 62, der gerade vom Obersten Sowjet mit nur einer Gegenstimme in seinem Amt best├Ątigt worden war; er strich den Streikenden sofort den Lohn. Und es kam das Politb├╝ro-Mitglied Nikolai Sljunkow, 60. Der hatte sich durch erfolgreiches Verschweigen der verheerenden Tschernobyl-Folgen in Beloru├čland, seinem fr├╝heren Amtsbereich, ausgezeichnet.

Da├č die Parteif├╝rsten herbeizitiert wurden, war f├╝r die Arbeiter das erste Erfolgserlebnis. Die Herren reisten von Zeche zu Zeche, verhandelten mit Funktion├Ąren und Streikf├╝hrern, riefen zwischendurch immer wieder in Moskau an.

Dann wagten sie sich in das Aufstandszentrum Prokopjewsk, wo, welteinzig, der Vize-Direktor des Bergbaukonzerns zum Vorsitzenden des Streickomitees gew├Ąhlt worden war: der Volksdeputierte Teimuras Awaliani.

Die Moskauer F├╝hrer traten mutig vor das streikende Volk, das sich auf dem Lenin-Platz niedergelassen hatte. Auf der zuvor von Arbeitern eroberten Granittrib├╝ne, von der aus die Herrschenden sonst die Huldigungen ihrer Untertanen entgegennehmen, verlasen die Kreml-Emiss├Ąre ihre Reden, hoch ├╝ber ihren Zuh├Ârern, den monumentalen Schutzheiligen Lenin hinter sich - als ob sich rein gar nichts ge├Ąndert h├Ątte.

Sie hatten nur das eine im Sinn: die Kumpel wieder in die Sch├Ąchte zu bringen. Der Mangel an Kohle k├Ânne zur "Katastrophe" f├╝hren, befand "Tass". Gorbatschow selbst r├╝gte den Ausfall von einer Million Tonnen Kohle als irreparabel. Preis: 13,59 Millionen Rubel. Die Parteipresse verzehnfachte die Verlustsumme - dabei lagern im Kusbass seit langem exakt eine Million Kohle-Tonnen, die nicht abgerufen wurden.

Die Moskauer machten Konzessionen, die sie nichts kosten, versprachen Lohnzulagen, l├Ąngeren Urlaub - zu bezahlen aus dem Sozialfonds der Bergwerke, also von den Bergleuten selbst.

F├╝r die Gebietshauptstadt Kemerowo wurden ein Krankenhaus und ein Heizwerk zugesagt, auch sechs Millionen Mark f├╝r den Stra├čenbau. Noch in diesem Sommer soll es f├╝r die knapp eine Million Kusbass-Arbeiter und ihre Familien eine Lebensmittel-Sonderzuteilung geben - etwa f├╝nf Pfund Zucker pro Kopf, je anderthalb Pfund Waschpulver und Seife, eine Dose Kondensmilch, ein halbes Pfund Tee und 50 Gramm Kaffee.

Auch die Lieferung von Fleisch, Butter, Lederschuhen, M├Âbeln und Autos wurde angek├╝ndigt - f├╝r den Kusbass. Das konnte die Arbeiter der anderen Industriegebiete der Sowjet-Union nur ermuntern, auf ihre Lenin-Pl├Ątze zu gehen und derart, mit gesammeltem Anstehen, dieselben Zuteilungen zu erk├Ąmpfen.

Doch f├╝r alle hat der Sowjetstaat eben nicht die k├Âstlichen Streikpr├Ąmien in den Lagerh├Ąusern - darin liegt ja der Grund der Krise. Nur wenige Streikende, urteilte "Trud", k├Ânnten wirklich glauben, man brauche die Regierenden nur unter Druck zu setzen, um die L├Ąden zu f├╝llen, als ob die Regierung "einen Sack mit dem gro├čen Geld und mit Lebensmitteln habe".

In Wirklichkeit klafft im Sowjet-Etat ein Riesenloch von 300 Milliarden Mark. Und was da schleunigst aus Sowjetproduktion angeliefert wird - wenn es denn ankommt -, kann die Sowjetkonsumenten kaum zufriedenstellen.

Denn im Sowjetreich, dessen Medien sich an Streiks im Westen weiterhin delektieren, war offener Arbeitskampf verboten; so artikulierte der Sowjetarbeiter seinen Protest durch andauernde Langsamarbeit, die eine Art gesamtnationaler Bummelstreik wurde, und in Pfuschproduktion, die sich innerhalb eines Jahres dramatisch gesteigert hatte.

Soeben unterrichtete das Handelsministerium der Russischen F├Âderation ├╝ber die letzte M├Ąngelr├╝gen- und Ausschu├čquote: bei Brot zehn Prozent, den meisten Konserven ein F├╝nftel, bei Konfektion, Schuhen, Tauchsiedern, Fleischprodukten ein Viertel und bei M├Âbeln fast die H├Ąlfte der gesamten Erzeugung.

Das Moskauer Magazin Nr. 6 bekam elf Zentner verdorbene Di├Ątwurst geliefert. Im Streikgebiet Kemerowo, wo es derzeit keinen Alkohol gibt, lieferte eine Getr├Ąnkefabrik ungenie├čbaren Saft.

Gorbatschow unter Druck: Er versprach, die KPdSU werde ein Drittel ihrer Parteikasse unter "arme Leute" verteilen - 1,5 Milliarden Mark, das war noch keiner KP auf der Welt eingefallen. Und er k├╝ndigte eilends an, was seine Wirtschaftsexperten vor Jahren schon empfohlen hatten: den Import von Konsumg├╝tern aus dem Westen im Wert von 30 Milliarden Mark.

Wo immer er die Devisen daf├╝r herbekommt - auf jeden Sowjetb├╝rger entfallen bei dieser Nothilfe Westg├╝ter im Wert von 100 Mark. Genug gegen die Revolution?

Die Arbeiter riefen nicht nur nach Nahrung und einer Steppjacke f├╝r den Winter, sie verlangten gar die Abschaffung aller Funktion├Ąrsprivilegien und eine neue Verfassung, was hei├čt: einen Machtwechsel.

Sie verlangten Selbst├Ąndigkeit ihrer Bergwerksbetriebe und Mitbestimmung. Die "Losl├Âsung der Unternehmen von den Ministerien" - mithin ein Ende der staatskapitalistischen Zentralverwaltungswirtschaft - hatte auch der Parteisekret├Ąr Bakatin voriges Jahr postuliert und ein abschreckendes Beispiel erz├Ąhlt: Man habe Bergarbeitern aus Sibirien gestattet, Kohle, die sie ├╝ber den Plan hinaus gehauen hatten, ins Ausland zu verkaufen, um von dem Devisenerl├Âs Apparate f├╝r ihr Krankenhaus anzuschaffen. Aber monatelang fanden sie in Moskau niemanden, der ihnen die Exportgenehmigung erteilte.

Seit 1. Januar 1988 sieht das mit Aplomb verk├╝ndete "Gesetz ├╝ber den Staatsbetrieb" einen eigenen Etat und die Selbstfinanzierung der Unternehmen vor - nichts hat sich seither ge├Ąndert.

Die Ministerien erteilen weiterhin, nun unter der Bezeichnung "Staatsauftrag", ihre Produktionsauflagen, mit denen jeder Firma Rohmaterial zugewiesen, der Lieferant benannt, der Aufwand kalkuliert, die Lohnsumme festgesetzt, der Ausschu├č eingeplant, der Preis verordnet, der K├Ąufer bestimmt, der Gewinn beziffert und abgesch├Âpft wird.

Bakatin berichtete aus dem Kusbass, von dem dort erwirtschafteten Profit (1,7 Milliarden Rubel) fl├Âssen 1,4 Millionen ins ├Ârtliche Budget zur├╝ck - weniger als ein Tausendstel.

Wie im Revolutionsjahr 1917 wollen die Arbeiter ihre Betriebe selbst f├╝hren. "Wir wissen, Michail Iwanowitsch, da├č nicht alles in Ihrer Macht steht", erkl├Ąrten sie dem Minister im Kusbass, "aber geben Sie uns das Wichtigste, die wirtschaftliche Selbst├Ąndigkeit. Alles andere schaffen wir selbst. Geben Sie uns die M├Âglichkeit, besser zu arbeiten, um dann besser leben zu k├Ânnen."

Schtschadow erwiderte den Arbeitern, sie seien daf├╝r noch nicht "vorbereitet": Man brauche auch ├Âkonomische Fachkenntnisse. Die Arbeiter dr├Ąngten daraufhin, bis zum n├Ąchsten Morgen solle er einen Befehl unterschreiben, da├č die Gruben nicht mehr vom Kohle-Ministerium abh├Ąngig seien.

Schtschadow unterschrieb und wies sogar noch Telegramme aus Moskau vor, da├č er dazu befugt sei.

Die Kumpel hatten speziell das Recht verlangt, ihre Kohle selbst zu vermarkten, mindestens die ├╝ber den Staatsauftrag hinausgehende F├Ârdermenge. Die Delegierten der Streikkomitees aus elf St├Ądten des Kusbass debattierten im Artjom-Kulturpalast von Prokopjewsk stundenlang ├╝ber die Verteilung der Devisen, die im Falle eines freien Verkaufs auf dem Weltmarkt erl├Âst w├╝rden.

Einer schlug vor, 40 Prozent an den Staat abzuf├╝hren, ein anderer wollte alles f├╝r den Betrieb behalten, ein dritter fragte, wovon der Staat dann die Getreide-Importe bezahlen solle. Der n├Ąchste: "Vielleicht verhandeln wir hier ├╝berhaupt Stu├č. Und die Leute drau├čen werden uns nicht verstehen. Die wollen doch, da├č wir die Probleme des Lohns, der Renten und der Versorgung l├Âsen." Der f├╝nfte befand, da├č sich die sozialen Probleme nur mit Einnahmen aus harter W├Ąhrung l├Âsen lie├čen.

Gemeinsam verlangten alle eine Erh├Âhung des Kohlepreises von derzeit 13,59 Rubel je Tonne, nach offiziellem Kurs 40 Mark; Weltmarktpreis: 90 Mark. Politb├╝rokrat Sljunkow erf├╝llte gro├čz├╝gig den Arbeiterwillen: Der Gro├čhandelspreis f├╝r Kohle werde verdoppelt.

Er schenkte, was l├Ąngst gew├Ąhrt war. Das Staatskomitee f├╝r Preise hatte schon am 12. Juli vorigen Jahres die neue Preisliste Nr. 0301 herausgegeben, wonach der Preis f├╝r eine Tonne Kohle, Kohleprodukte und Briketts en gros auf 25,90 Rubel angehoben wird.

Damit liegt er noch immer unter dem Weltmarktpreis, dem einzigen Wertma├čstab f├╝r die willk├╝rlich ermittelten Preise der Planwirtschaft. Mangels Markt steigert die Verdoppelung Inflation und ├ťberproduktion: Die gef├Ârderte Million Tonnen, die im Kusbass herumliegt - zw├Âlf Millionen Tonnen sind es in der ganzen UdSSR -, bleiben dort angeblich aus Mangel an Transportraum.

Als sich die Halden im Donbass vorletzte Woche selbst entz├╝ndeten, machte man R├╝stungsbetriebe daf├╝r verantwortlich, die 160 000 G├╝terwagen zur├╝ckhielten. Wirklicher Grund laut "Komsomolskaja prawda" f├╝r das Vergammeln der Kohle: "Niemand braucht sie."

Mit seinen riesigen ├ľl- und Gasreserven, 44 Kernreaktoren und zahlreichen Wasserkraftkaskaden ben├Âtigt selbst der Energieverschwender UdSSR keine Jahresf├Ârderung von derzeit 600 Millionen Tonnen Kohle. Das fr├╝her erwogene Schrumpfen der Branche aber war politisch nicht durchsetzbar: Die 2,7 Millionen Bergarbeiter galten allemal als Unruhepotential.

Schtschadow teilte jetzt mit, schon seit Beginn der planm├Ą├čigen Industrialisierung 1930 sei die Kohleindustrie "planm├Ą├čig verlustbringend" gewesen. Investitionen bleiben deshalb aus.

So hauen die Bergarbeiter denn weiter, mit altmodischem Mammutger├Ąt oder nach Urv├Ąterart knieend mit der aus eigener Tasche bezahlten Hacke, Klinge oder Axt - sinnlos, unproduktiv, unterbezahlt.

W├Ąhrend der Staat immer noch zur Leistungssteigerung auch im Bergbau trommelt, sinkt die Arbeitsproduktivit├Ąt in den Gruben, weil Ersatzinvestitionen fehlen, die Motivation der Kumpel, zumal bei unzureichender Ern├Ąhrung, schwindet.

Aber jedes Jahr Ende August, am Tag des Bergmanns, sagen Jubelkinder in den Bergwerken die Berufs-Ode auf, die erst jetzt, da die Kumpel selbst ihr Machtwort sprachen, ihren Sinn erh├Ąlt:

Bislang war es Prometheus, der Licht und W├Ąrme allen brachte. Das Feuer, das der Welt er schenkte, leuchtet hell. Klar ist und mutig des Helden Blick. Doch heute hei├čt er: Bergmann.

Der lyrische Zuspruch nebst Ehrenfahnen und Ruhmestafeln f├╝r flei├čige Brigaden soll nach Sowjetbrauch den erb├Ąrmlichen Lohn ausgleichen. Im Kusbass verdient ein Hauer der h├Âchsten Lohnstufe 3,42 Rubel pro Stunde, das sind offiziell fast zehn Mark und dreimal soviel, wie dort eine N├Ąherin verdient. Doch es reicht meist gerade f├╝r ein Kilo Fleisch - wenn es welches gibt.

Die Gesch├Ąfte vieler Bergarbeiterst├Ądte der sibirischen Region sind seit langem nicht einmal mit dem Notwendigsten versorgt. Wo immer sich die Brigaden der Nachtschicht weigerten, ihre Grubenlampen abzugeben, um so auch gleich die Fr├╝hschicht am Einfahren zu hindern, war der Ausl├Âser f├╝r solche Widers├Ątzlichkeit allemal lokaler Versorgungsmangel - weit ├╝ber die bekannten Allunions-Engp├Ąsse bei Fleisch, Seife und Zucker hinaus.

In den Metzgereien des Kusbass ist seit Wochen nur fetter Speck zu besichtigen, einige Milchprodukte werden nur an Familien mit Kleinkindern abgegeben. Kaffee und selbst Tee sind l├Ąngst zu Rarit├Ąten geworden.

Wer f├╝r den harten Winter im sibirischen Kohle-G├╝rtel einen warmen Mantel und dicke Stiefel ben├Âtigt, kann inzwischen nicht einmal mehr auf sowjetische Zuteilungs-Absurdit├Ąten wie ein ├╝berraschendes Schn├Ąppchen im hei├čen Sommer rechnen. Manche L├Ąden, emp├Ârte sich ein Redner in Prokopjewsk, seien "wie leergefegt, man k├Ânnte sie ebenso ganz schlie├čen".

Auslegeware, selbst d├╝nnes Linoleum f├╝r die Betonfu├čb├Âden der zusammengeschusterten, zugigen Neubauten ist bestenfalls w├Ąhrend einer Hamsterfahrt ins fast 3000 Kilometer entfernte Moskau zu beschaffen. "Leg S├Ącke in die Bude, die kann dein Mann im Betrieb klauen", riet eine Verk├Ąuferin allen Ernstes einer Bergmannsfrau aus Nowokusnezk, "oder nimm afghanische Teppiche, die gibt's gerade" - zum Preis von vier Monatsl├Âhnen.

"Ich arbeite seit 20 Jahren unter Tage", diktierte ein Kumpel aus Prokopjewsk dem Reporter seiner Lokalzeitung in den Block, "und lebe noch immer in einer Baracke, deren Decke jeden Moment einst├╝rzen kann. Jeden Tag riskiere ich mein Leben bei der Arbeit im Schacht, jetzt fehlt nur noch, da├č ich im eigenen Heim versch├╝ttet werde."

20 Prozent der Bev├Âlkerung im Kemerowo-Gebiet leben in solchen Bruchbuden oder verf├╝gen ├╝berhaupt nur ├╝ber eine provisorische Schlafstelle. Einen Platz freilich haben sie fast alle: auf einer end- und hoffnungslosen Warteliste f├╝r die Zuweisung einer halbwegs menschenw├╝rdigen Wohnung, wie sie Gorbatschow jedem Sowjetb├╝rger bis zum Jahr 2000 versprochen hat.

Am Streikort Donezk wird in die Liste der Wohnungsuchenden aufgenommen, wer nur sechs Quadratmeter Wohnfl├Ąche zur Verf├╝gung hat. Durchschnittliche reine Wohnfl├Ąche aller Einwohner von Donezk sind 6,9 Quadratmeter.

"Manche wollen wissen, warum man hier zehn bis zw├Âlf Jahre auf eine Wohnung warten mu├č", beschwerten sich Streikende im Kusbass. Es sei ihnen praktisch unm├Âglich, im Sommer einen Platz an einem Ferienort - auch der wird zugeteilt - zu bekommen, "wie ihn sich die Vorgesetzten jedes Jahr besorgen".

Seit Chruschtschow Ende der f├╝nfziger Jahre bei einem Besuch von Workuta die Sonderzuteilungen f├╝r die freien Bergarbeiter strich, geh├Âren die Kumpel nicht mehr zu den besser versorgten Werkt├Ątigen der Sowjet-Union - trotz der Risiken ihrer Arbeit.

Die Zechenanlagen seien ├╝berall in der UdSSR total veraltet, beklagten Streik-Sprecher, von Arbeitssicherheit k├Ânne auf den meisten P├╝tts keine Rede sein. Im Kusbass erlagen voriges Jahr 152 Bergleute einem t├Âdlichen Arbeitsunfall, in der ganzen UdSSR verloren in den letzten neun Jahren 10 000 Bergleute das Leben. Das waren, bemerkte die "Komsomolskaja prawda", "nur etwas weniger, als w├Ąhrend jener Jahre in Afghanistan starben".

Kein moderner Industriestaat ignoriert Sicherheit und Wohlfahrt der Arbeitenden derart souver├Ąn wie ausgerechnet die UdSSR, die sich unerm├╝dlich auf das Proletariat beruft. Ihre Werkt├Ątigen sch├╝tzt keine Gewerkschaft, die ihre Interessen vertritt. Streik gilt als Verletzung der Arbeitsdisziplin.

Die sowjetischen "Berufsorganisationen" - wer ihnen nicht beitritt, bekommt nur halbes Krankengeld - sind im Verst├Ąndnis der Arbeiterbewegung des Westens "gelbe Gewerkschaften", dazu ausersehen, auf Steigerung von Produktivit├Ąt und Arbeitsdisziplin zu achten sowie spontane Streiks zu verhindern. Den Streikenden der vorigen Woche boten sie immerhin kostenloses Essen.

Tarifverhandlungen gibt es nicht. Die L├Âhne werden nach Anh├Ârung von Spitzenfunktion├Ąren der Berufsorganisationen durch das "Staatskomitee f├╝r Arbeit und soziale Fragen" festgesetzt. Der Zuwachs an Realeinkommen ist seit einem halben Jahrhundert grunds├Ątzlich niedriger als die Wachstumsrate des Sozialprodukts.

Das stieg von 1970 bis 1982 um 78 Prozent, der Gewinn der gesamten Volkswirtschaft um 117 Prozent - das Durchschnittseinkommen der Arbeiter und Angestellten aber nur um 45 Prozent. Wartezeiten bei Ausbleiben von Zulieferungen, auch Sonderschichten und Ausschu├čproduktion, f├╝r die der Arbeiter nicht verantwortlich ist, bleiben unbezahlt, sogar die oft zwei Stunden An- und Abmarsch unter Tage vom Schacht zur Abbaustelle.

Auch sonst sch├Âpft die Sowjetmacht beim Werkt├Ątigen geh├Ârig ab: Die indirekten Steuern auf Massenbedarfsg├╝ter bringen dem Fiskus 37 Prozent aller Einnahmen. Der aber lenkt nur acht Prozent aller Investitionen in die Konsumg├╝terproduktion. Daran hat auch Gorbatschow kaum etwas ge├Ąndert.

Der Durchschnittslohn von 234 Rubel im Monat (die meisten Akademiker liegen weit darunter), nach offiziellem Kurs gut 700 Mark, gestattet einer Sowjetfamilie ungef├Ąhr den Lebensstandard, den ein Sozialhilfeempf├Ąnger in der Bundesrepublik genie├čt - sein Einkommen reicht gerade f├╝r die Lebensmittel.

So arbeiten Frauen aus nackter Not mit, was auch noch als Emanzipation ger├╝hmt wird: 51 Prozent aller Werkt├Ątigen sind, auch bei harter Stra├čen- und Bauarbeit, weiblichen Geschlechts.

In dem Land, das sich dem Proletariat der ganzen Welt als Vorbild empfahl, arbeitet der Empf├Ąnger eines Durchschnittslohns zwar nur halb so lange wie ein B├╝rger der Bundesrepublik f├╝r Brot, einen Busfahrschein, einen Quadratmeter Wohnfl├Ąche vergleichbarer Qualit├Ąt.

Doch doppelt soviel Arbeitszeit wie an der Ruhr wendet er am Don f├╝r Kohl, Kartoffeln, Bier, ein Herrenhemd oder eine vergleichbare Waschmaschine auf. Dreimal soviel kostet ihn Milch, ein T-Shirt, ein Farbfernseher, auch Wasser, und neunmal soviel ein Kleinwagen (vier Jahresl├Âhne).

Scheidet er aus dem Arbeitsleben, f├Ąllt er mit durchschnittlich 75 Rubel im Monat (Bauern: 48 Rubel), dem Gegenwert eines halben Wintermantels, meist unter die Armutsgrenze - deshalb auch die Rentenforderungen der Streikenden.

Der Sowjetarbeiter von heute lebt, nach sieben Jahrzehnten Kommunismus, mitunter schlechter als einst sein Klassenbruder unter dem Zaren. Der Schlosser Nikita Chruschtschow, 20, verdiente 1914 den ├╝blichen Lohn eines Berufsanf├Ąngers von 45 Rubel im Monat, etwa ein Viertel des Nominallohns eines jungen Schlossers heute. Brot, damals f├╝r sechs Kopeken das Kilo, kostet heute auch viermal mehr, Zucker - wenn es ihn gibt - relativ sogar etwas weniger.

Doch f├╝r das Grundnahrungsmittel Fleisch waren vor dem Ersten Weltkrieg 40 Kopeken das Kilo zu zahlen. Heute sind es - wenn es welches gibt - meist ├╝ber drei Rubel, real mithin doppelt soviel wie zu Chruschtschows Jugendzeit.

Kaum erkannt war damals - in Ost wie West - die Verseuchung der Umwelt durch die Industrie. Die Sowjet-Union tut dagegen in ihren Industrierevieren so wenig, da├č die Menschen unter den Umweltsch├Ąden heute oft schon st├Ąrker leiden als unter Armut und Ausbeutung, Beh├Ârdenwillk├╝r und Unterdr├╝ckung der Nationalit├Ąten. Die r├╝cksichtslose Industrialisierung hat Ru├čland weithin verheert, an einigen Stellen gar in eine Kloake verwandelt.

In den verqualmten Siedlungen des Kusbass liegt die Lebenserwartung unter dem Landesmittel. Die sibirische Filiale der Akademie der Wissenschaften konstatiert wachsende Kindersterblichleit und genetische Sch├Ąden durch die Umwelt. Die Demonstranten forderten "reine Luft", die Streikenden schrieben (ohne Erfolg) in ihren Forderungskatalog: Stopp des Tagebaus und Verbot des Sch├╝rfens in Fl├╝ssen, dazu Rekultivierung der Abraum-Gebirge.

Kemerowo schleudert jedes Jahr fast 140 000 Tonnen Schadstoffe in die Luft, Nowokusnezk nebenan fast eine Million Tonnen. F├╝nf Sowjetminister erhielten deshalb vom Politb├╝ro schon vor f├╝nf Jahren einen Tadel.

In s├Ąmtlichen gro├čen Industriest├Ądten der UdSSR liegt die Luftverschmutzung ├╝ber dem Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation, in 102 St├Ądten zehnmal h├Âher. Die H├Ąlfte der Schadstoffemissionen ukrainischer Fabriken von j├Ąhrlich 11,5 Millionen Tonnen entsteht allein in den Streikgebieten Donezk und Dnjepropetrowsk; in Kriwoi Rog und Mariupol ist der Auswurf zu 70 Prozent Kohlenmonoxid.

In Magnitogorsk am Ural sch├╝ttet vor allem das H├╝ttenkombinat pro Jahr zwei Tonnen Dreck je Einwohner aus. Als bei Smog den S├Ąuglingen die Luft wegblieb, erreichte eine B├╝rgerinitiative in Nischnij Tagil voriges Jahr wenigstens die Schlie├čung zweier alter Kokereien.

Im sibirischen Norilsk aber blasen die Fabriken j├Ąhrlich gar 13 Tonnen je Einwohner in die Umwelt, in Krasnojarsk werden die Grenzwerte f├╝r Benzpyren um das 50fache ├╝berschritten.

Schon 1983 deckte die "Iswestija" auf, da├č die Kohlegruben des Kusbass die Fl├╝sse in "schmutzige Abfallgruben" verwandelt h├Ątten. Die im Krieg dorthin evakuierten Betriebe aus dem Donbass hatten keine Kl├Ąranlagen gebaut - die forderten jetzt die Streikenden.

20 Milliarden Kubikmeter Abw├Ąsser mit unzul├Ąssigem Verschmutzungsgrad flie├čen jedes Jahr in die Fl├╝sse. Allein in der S├╝dukraine stammen 700 Millionen Kubikmeter aus der Eisen- und Stahlindustrie.

Voriges Fr├╝hjahr gerieten nach St├Ârf├Ąllen in Chemiefabriken mehrmals Phenole in den Donez. Die H├Ąlfte der Abw├Ąsser von Dnjepropetrowsk liegt ├╝ber dem amtlich festgesetzten Verschmutzungsgrad.

Der Biologe Alexej Jablokow, der Greenpeace in der UdSSR organisiert, zog Bilanz: Bis zu 40 Prozent der Sowjetb├╝rger leben unter ung├╝nstigen Umweltbedingungen, 20 Prozent "in einem ├Âkologischen Katastrophengebiet". Die Zeitschrift "Nowy mir" berichtete aus der Sowjetrepublik Usbekistan, da├č dort als Folge von Umweltsch├Ąden jedes zehnte Kind im ersten Lebensjahr stirbt.

Ein Arbeitsleben in der UdSSR l├Ąuft in der tristen Welt ├╝berf├╝llter Mietskasernen und Verkehrsmittel ab, in verpesteten St├Ądten, verdreckten Fabriken, und das alles bei einem Freizeit-Angebot so ├Âde wie nirgends sonst in einem Industriestaat.

Es waren nicht erst die B├╝rokraten aus der Stalin-Schule, die gegen├╝ber den Bed├╝rfnissen Schaffender ein solches Ma├č an Menschenverachtung in ihrer uns├Ąglichen Propaganda auch noch als vorbildlich verkauften. Wann immer es um den Menschen ging, nicht den ideologisch verkl├Ąrten Faktor der Geschichte, hatte schon Staatsgr├╝nder Lenin Geringsch├Ątzung f├╝r das Material der eigenen Machtentfaltung gezeigt.

Der Rechtsanwalt aus zaristischem Beamtenadel, der nicht eine Stunde seines Lebens abh├Ąngige Lohnarbeit leisten mu├čte, nahm als Premier von Ru├čland den Arbeitern die Fabriken, die sie nach ihrer Februar-Revolution 1917 ├╝bernommen hatten, wieder ab. F├╝r seine Machtergreifung im Oktober 1917 war niemand in den Streik getreten. Lenin ├╝bergab die Fabriken dem Staat, der seither eifers├╝chtig ├╝ber sein Wirtschaftsmonopol wacht.

Er ordnete an, "Arbeiter, die sich vor der Arbeit dr├╝cken, ins Gef├Ąngnis zu stecken". Er z├Ąhlte auch sie zu den "sch├Ądlichen Insekten, den Fl├Âhen", von denen die russische Erde zu s├Ąubern sei. Dazu geh├Ârten auch jene "Dr├╝ckeberger", die in Petrograd gegen seine Diktatur streikten - man solle sie Klosetts reinigen lassen, riet er, ihnen zur besseren ├ťberwachung "gelbe P├Ąsse" zuteilen, jeden zehnten erschie├čen.

Er hatte die Arbeiter keines politischen Bewu├čtseins f├╝r f├Ąhig gehalten: Sie d├Ąchten "nur gewerkschaftlich". Auch das war ihm zuviel, als er das Taylor-Rationalisierungssystem - die erste Akkordpeitsche - einf├╝hrte: "Jede unmittelbare Einmischung der Gewerkschaften in die Leitung der Betriebe mu├č als unbedingt sch├Ądlich und unzul├Ąssig betrachtet werden, die Gewerkschaften m├╝ssen die engsten und st├Ąndigen Mitarbeiter der Staatsmacht sein."

Das blieben sie, die Berufsorganisationen, bis heute. So wurde der sichtbarste Erfolg der Streikenden vom Kusbass, da├č die Regierung die Streikkomitees als Partner anerkannte, sie legalisierte und auch nach der R├╝ckkehr der Belegschaften in die Bergwerke weiter bestehen lassen will - als k├╝nftige Interessenvertretung der Bergleute.

Das sowjetische Proletariat hat von nun an seine Klassenorganisation, wie das polnische vor neun Jahren, dessen "Solidarnosc" heute die Regierung ├╝bernehmen k├Ânnte, wenn es nach den abgewirtschafteten Kommunisten ginge. In der Ausbreitung des Kusbass-Streiks auf die anderen Reviere sah die "Trud" ein "Zeichen der Solidarit├Ąt". Das russische Wort daf├╝r lautet "Solidarnost".

Zu Legalit├Ąt und Legitimit├Ąt von Streiks hatte sich der Irkutsker Staatsrechtler Schischkin bereits am 14. Juli in der Regierungszeitung "Iswestija" ge├Ąu├čert: "Wie kann man", fragte Schischkin, auf den jahrzehntelangen Selbstbetrug verweisend, da├č Streiks dem Sozialismus "wesensfremd" seien, "etwas als gesetzwidrig bezeichnen, f├╝r das es bei uns ├╝berhaupt kein Gesetz gibt?" Schlie├člich habe die Sowjet-Union schon 1966 die Uno-Konvention unterzeichnet, die Streik als ein legitimes Mittel im Arbeitskampf anerkennt. Zu "Geiseln des Apparats" w├╝rden die Arbeiter durch die Berufsorganisation.

Die ist in Jahrzehnten an die Propaganda-L├╝ge von der grunds├Ątzlichen Harmonie zwischen Arbeit und b├╝rokratischer Verf├╝gungsgewalt ├╝ber die Betriebe gew├Âhnt, zur Verteilerorganisation f├╝r Ferienpl├Ątze, Werkswohnungen und Theaterkarten verkommen. Jetzt erst beginnt sie unter dem Druck der Massenunzufriedenheit, den Streik wieder "als ├Ąu├čerstes Mittel unserer Interessenvertretung" zu entdecken - so ihr Betriebssekret├Ąr in einem Moskauer Automobilwerk.

Ihr Vorsitzender Schalajew hatte im vergangenen Jahr noch abzuwiegeln versucht: Trotz erster Streiks von Bus- und Taxifahrern, Verkaufspersonal, Montagearbeitern, Automobilwerkern, Teppichwebern und Bergleuten in fast allen Teilen der Sowjet-Union m├╝sse die Arbeitsniederlegung die "rare Ausnahme" bleiben.

Doch auch Schalajew schien bereits zu ahnen, da├č die Perestroika-Bewegung, die Land und Leute in der Sowjet-Union erfa├čt hat, eines nich t allzu fernen Tages auch die Arbeiter erreichen und damit die Schim├Ąre von der sozialen Gerechtigkeit hinwegfegen w├╝rde - wie jetzt in der sowjetischen Kohleindustrie.

Schalajew verlangte deshalb genaue gesetzliche Regelungen, "da├č nur dann zum Streik aufgerufen werden darf, wenn alle anderen M├Âglichkeiten der Verwaltung und der Berufsorganisation zur friedlichen Konfliktregulierung vollst├Ąndig ausgesch├Âpft sind" - ein Fall, der nach B├╝rokraten-Lesart eigentlich nie eintreten kann.

Gorbatschow immerhin scheint in den letzten Monaten begriffen zu haben, da├č sein Prestige angesichts der Versorgungsmisere und des in vielen Landesteilen zum Zerrei├čen gespannten sozialen Netzes auf dem Spiel steht - nicht nur bei den liberalen Intellektuellen, denen die gesamte Umgestaltung zu langsam und zu halbherzig verl├Ąuft, sondern vor allem bei den Arbeitern.

Sie begannen, so sah noch in der vergangenen Woche ein Leningrader Soziologe diese t├Âdliche Perestroika-Gefahr, "sich nach r├╝ckw├Ąrts zu orientieren, von den volleren Gesch├Ąften zu Zeiten Stalins und auch noch Breschnews zu tr├Ąumen und in einen verh├Ąngnisvollen Anti-Intellektualismus zu verfallen - nach dem Motto: Die Politik Gorbatschows beg├╝nstigt einseitig nur die Intelligenz".

Die Streiks der letzten Wochen und andere, die m├Âglicherweise in anderen Branchen bevorstehen, gelten der Perestroika-Avantgarde denn auch eher als Chance, eine neue Koalition zu schmieden. "Unsere Perestroika war bisher eine Revolution von oben", bemerkte die "Sowjetskaja Rossija", "nun empf├Ąngt sie m├Ąchtige Unterst├╝tzung von unten." Die Revolution f├Ąngt demnach erst an.

So gut wie alle Forderungen der Streikenden sind auch Programmpunkte der Perestroika, die sich ohne Druck von unten nicht hatten durchsetzen lassen. Jetzt erst k├Ânnte Gorbatschow, getragen vom proletarischen Aufbegehren, seine Reform vorantreiben.

Vorigen Mittwoch erkl├Ąrte er die Arbeiterforderungen f├╝r gerechtfertigt, weil sie auf eine "soziale Perestroika" zielten. Minister Schtschadow billigte allen Sowjet-Bergleuten die Konzessionen vom Kusbass zu. Gorbatschow go├č sogar ├ľl ins Feuer, als er dem Obersten Sowjet mitteilte, es seien Schriften gefunden worden, die zu einem Streik der Eisenbahner am 1. August aufriefen.

Doch die proletarische Revolution von unten zu er├Âffnen, ist f├╝r einen Machthaber ein Spiel, dessen Ausgang unberechenbar bleibt. "Die momentane Situation", sch├Ąrfte er denn auch den Abgeordneten ein, "k├Ânnte alles zerst├Âren, was wir zur Zeit machen." Er mochte sogar "besondere Ma├čnahmen" nicht ausschlie├čen.

Schie├čen, wie in Mittelasien und vorige Woche in Abchasien, oder Giftgas-Einsatz wie im M├Ąrz in Tiflis? Danach w├╝rde der proletarische Widerstand anders aussehen und ausgehen als in den Nationalit├Ątenkonflikten, deren die Partei schon nicht Herr wird - gesammelte Argumente f├╝r jene Altgenossen, welche von der Perestroika sagen, sie f├╝hre das Land und die Partei in den Abgrund. Vorigen Dienstag war im ZK schon die Rede von einem zweiten Parteichef - neben Gorbatschow.

Der suchte denn auch wieder Schulterschlu├č mit der Partei, die er im "Belagerungszustand" sieht, und pl├Ądierte wieder f├╝r ihre "F├╝hrungsrolle". Die von ihm selbst betriebene Unterordnung der Partei unter den neuen Obersten Sowjet erkl├Ąrte er eilends f├╝r "politisch falsch", die Personalpolitik sei und bleibe Sache der Partei.

Er wetterte wider "Anleihen aus dem Arsenal der b├╝rgerlichen Demokratie und des Privatunternehmertums". Meinte er damit auch Koalitionsfreiheit, Streikrecht und Tarifautonomie?

Der antistalinistische Autor Anatolij Rybakow ("Die Kinder des Arbat") aber sah sich bereits als Zeugen eines wahrhaft historischen Umbruchs: "Unsere Arbeiterklasse zeigt, da├č sie eine wirkliche Kraft auf der politischen B├╝hne ist. Diese Wendung kann die B├╝rokraten nur erschaudern lassen."

DER SPIEGEL 30/1989

Autor: nokiland


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Schlagwörter: 1989 August R├╝ckblick Gorbatschow Perestroika KW_30_1989



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