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Musik kennt keine Grenzen


Oft wird die Situation in der DDR mit der islamisch geprĂ€gter LĂ€ndern verglichen. Jeans aus dem "Westen", Cola oder auch Musik sei damals in der DDR verboten gewesen. Angeblich mussten West-Jeans tragende SchĂŒler damit rechnen der Klasse verwiesen zu werden und Westradio sowie TV war verboten.

Zuerst muss man zwischen verschiedenen Epochen in der BRD und DDR unterscheiden. Auch in der BRD gab es gewisse Verbote, beispielsweise das tragen von FDJ Hemden. Sitzstreiks erfĂŒllten damals noch einen Straftatbestand und fĂŒhrten unter UmstĂ€nden ins GefĂ€ngniss. In den USA, in der McCarthy-Ära, ging der Staat gegen „unamerikanische Umtriebe“ vor und als Kommunisten verdĂ€chtigte Personen klagte man an. KĂŒnstler wie Charles Chaplin durften nicht mehr einreisen. Die westliche Welt hatte Angst vor Kommunisten und Sozialisten, die östliche Welt fĂŒrchtete das westliche WirtschaftsgefĂŒge mit all den Nachteilen fĂŒr das Proletariat, der Arbeiterklasse. In dieser Zeit des kalten Krieges gab es sicher den einen oder anderen ĂŒbereifrigen Schuldirektor, welcher um die Moral der Klasse bangte und westliche Produkte in der Schule nicht duldete.

Doch schon in der Ulbricht-Ära setzte eine Entspannungspolitik ein, die auch im Alltag der DDR zu spĂŒren war. 1962 grĂŒndete die DDR Intershop. Intershop war eine Einzelhandelskette, deren Waren nur mit konvertierbaren WĂ€hrungen (DM, Dollar, usw.), spĂ€ter auch mit Forumschecks, jedoch nicht mit Mark der DDR bezahlt werden konnten. Einige Jahre zuvor, 1956, wurde in der DDR die Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH (kurz Genex) gegrĂŒndet. Per Katalog konnten westliche Produkte in die DDR gesendet werden. Zum Angebot gehörten nicht nur die angeblich verbotenen Marken-Jeans, sondern auch Schallplatten und Musikkassetten westlicher Interpreten. Im letzten GENEX Katalog der DDR wurden gar Camcorder, KopiergerĂ€te und westliche PC Technik angeboten.

Aber auch das DDR eigene Plattenlabel AMIGA vertrieb in Lizenz Musik "aus dem Westen". Ob Rolling Stones, Beatles, Dieter Bohlen oder A-ha, sie alle wurden in der DDR offiziell verkauft. Sogar Udo Lindenberg wurde von AMIGA vertrieben. Was der Westen hörte, kam auch bei den Ostdeutschen aus den Boxen heraus. Verboten war keine Musik in der DDR. Musikkassetten wurden kopiert und weitergegeben. Beispielsweise ĂŒber RIAS Berlin wurden Musiksendungen aufgenommen und in der Schuldisko zum Besten gegeben. Der Unterschied zum Westen - man mußte etwas warten, bis AMIGA eine Pressung in den Handel brachte. Einfach einmal in den Laden gehen und jedes beliebige MusikstĂŒck kaufen war nicht möglich.

Die Jugendlichen in der DDR hörten fast nur Westmusik. Volkseigene Interpreten waren einfach weniger angesagt. Karat und die Phudys hatten ein paar akzeptierte Songs, Ute Freudenberg mit "Jugendliebe" war ein Renner. Doch in den Diskos wurde ĂŒberwiegend westliche Musik gespielt. Madonna, Queen, Falco, Depeche Mode. Eine staatliche Verordnung sollte das VerhĂ€ltnis West- zu DDR Musik regeln, in den Leipziger Diskos der 80er Jahre war davon allerdings nichts zu spĂŒren. Solch eine Quotenregelung hĂ€tte die Messestadt Leipzig mit ihren devisenstarken Besuchern sich nicht leisten können.

NatĂŒrlich gab es auch GrĂŒppchenbildungen und modische Abgrenzungen von anderen Musikrichtungen. Wie im Westen auch, vielleicht sogar etwas ausgeprĂ€gter. RivalitĂ€ten gab es weniger. Nur Punks hatten es etwas schwerer, was wohl auch an ihrer Lebensphilosophie lag. Sehr beliebt war in der DDR Hip-Hop und Break Dance. Der Film "Beat Street" von 1984 war wie ein InitialzĂŒnder. Break Dance Crews schossen in der ganzen Republik aus dem Boden. Aber auch Depeche Mode löste eine grĂ¶ĂŸere Fangemeinde aus. Alles in allem glich die Musiklandschaft derer in der westlichen BRD. Die Jugendlichen hĂ€ngten Bravo-Poster an ihre WĂ€nde und kopierten Kassetten mit den aktuellen Charts aus der westlichen Top10.


Autor: nokiland


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